Bei der Anreise zum Airbeat One Festival quer durch das Mecklenburg-Vorpommersche-Outback hat man kurzzeitig das Gefühl in eine andere Welt – fernab von Trubel (und Internetempfang) – zu fliehen. Der Verdacht, dass hinter den Dörfern und Wäldern eigentlich nicht mehr viel kommen kann, wird jedoch beim Erreichen des Flugplatzes Neustadt-Glewe schnell widerlegt. Ja, hier erwartet einen eine andere Welt, aber die hat mit stiller Einkehr herzlich wenig zu tun.
Stattdessen baut sich ein gigantisches Festivalgelände von rund 80.000 Quadratmetern vor einem auf, für dessen Umrundung es einen 30 Kilometer langen Bauzaun braucht. Auf dem Weg zum Campingplatz ist von weitem schon das Wummern tausender Bluetooth-Boxen, mitgebrachter Soundsysteme oder sogar Camp-internen DJ-Booths zu hören. Das kann Spaß machen, aber ist nicht für alle was. Mit den verschiedenen Camping-Optionen gibt es die Möglichkeit, der Rund-um-die-Uhr-Beschallung zu entgehen. Besonders geeignet für eine Art von Schlafrhythmus und den eigenen Finanzplan stellt sich das autofreie North-Camp heraus.
Acts und Bühnen
Bei der diesjährigen Airbeat hieß es ¡Vamos!. Das Thema Spanien wurde nicht nur in den zwei (extrem beeindruckenden) Themenbühnen der Mainstage und der Harder Stage umgesetzt, sondern war auch im Line-up zu erkennen. Vor allem die im letzten Jahr ins Leben gerufene Butterfly Stage, die normalerweise Oldschool Sounds gewidmet ist, hatte in der Hinsicht einiges zu bieten. Als Mia Julias „Malle Power Hour“ am Freitagabend anstand, waren die Kapazitäten des dafür vorgesehene VIP-Villages (hier gab es übrigens einen eigenen Spa-Bereich) so gut wie ausgereizt und der Ballerman-Zug nicht mehr aufzuhalten.
Die Mainstage gehörte auch dieses Jahr größtenteils wieder der alteingesessenen internationalen DJ-Elite. Bereits am Donnerstag sorgten hier Stars wie Oliver Heldens, Afrojack und Steve Aoki für Momente, die der mit technischen und optischen Superlativen ausgestatteten 180 Meter breiten Bühne gerecht wurden. Die Stage war der Sagrada Familia Kathedrale in Barcelona nachempfunden und wog schlappe 700 Tonnen. Auch an den weiteren Festivaltagen kamen hier tausende EDM-Fans auf ihre Kosten. Vor allem bei den früheren Sets am Abend war die Besucher:innen-Dichte jedoch eher lückenhaft, so auch bei Deborah De Luca, die am Freitag als erste von (nur) drei Frauen, ein Wahnsinnsset ablieferte. Insgesamt legten in der Pyro-speienden Kulisse 25 Artists auf, 14 davon aus dem Top 100 Ranking des DJ Mag UK.
Beitrag auf Instagram ansehen
Als Stimmungssieger entpuppte sich dagegen die Harder Stage. Hier wurde zwischen aufblasbaren Quietscheentchen und textsicheren Hardstyle-Atz:innen richtig die Sau rausgelassen (wohlgemerkt mit respektvollem Umgang). Die Stage, die aussah wie ein wütender Bulle, dem das rote Muleta direkt vor die Nase gehalten wird, bot mit beeindruckender Lichttechnik und Pyro-Power die optimale Kulisse für Hardstyle- und Hardcore-Größen wie D-Block & S-te-Fan, Angerfist, Lil Texas oder Da Tweekaz.
Für Techno-Fans war sicherlich die Arena Stage die erste Anlaufstelle des Festivals. Durch die Unterbringung in einem Zelt kam hier schon nachmittags Club-Atmosphäre auf, in der man problemlos bis Morgens durchmachen konnte. Auch hier gab es einen hochklassigen Mix aus etablierten DJs der Hard-Techno-Szene sowie spannenden Newcomer:innen zu sehen. Highlights waren unter anderem Lilly Palmer, I Hate Models und das Acid-Duo 999999999. Während die Arena Stage mit ihrem von Industrial geprägten Sounds eine eher düstere Stimmung vermittelte, gab es im benachbarten Zelt Party-Techno vom Feinsten, der die optimale Schnittstelle für Leute bot, die sich nicht zwischen Ballermann und Berghain entscheiden wollten.
Hypnotisierend wurde es bei den Psytrance- und Goa-Sets der Second Stage. Internationale Größen wie Paul van Dyk, Ace Ventura oder Neelix durften da natürlich nicht fehlen. Auch hier wurde durch das aufwendige, farbenfrohe Stage-Design sowie die dazugehörende größte freitragende überdachte Tanzfläche Europas klar: Die Airbeat macht keine halben Sachen, was die Acts und Bühnen angeht.
Beitrag auf Instagram ansehen
Festival-Organisation
Bei über 200.000 erwarteten Besucher:innen aus über 50 Ländern ist eine gute Organisation ein Muss. Hier konnte das Festival größtenteils überzeugen. Hier ein paar Beispiele:
Am Camp angekommen wurde einem die Schlafplatz-Suche durch Einweiser:innen erleichtert, zudem fuhren hier häufig Sanis auf Quads Patrouille. Die Festival-App hat die Orientierung auf dem Gelände sowie dem umfangreichen Timetable (insgesamt 250 Acts) mit einem Planungstool deutlich vereinfacht. Das Check-in sowie die Bezahlung vor Ort funktionierten reibungslos, mit aufladbaren Chips am Festivalbändchen und auch die Toiletten-Situation war optimal (ja, es gab ausreichend Wassertoiletten, die rund um die Uhr sauber gehalten und mit Klopapier bestückt wurden). Bei den Duschen im Camp machte sich der Fakt, dass die Männerquote (nicht nur auf, sondern auch vor den Bühnen) deutlich überwog, auf ironische Weise bemerkbar: Die Schlange vor den Herrenduschen war vor allem zur Stoßzeit – also nach 13 Uhr – deutlich länger. Ein seltener Anblick, wenn man es sonst nur andersrum kennt. Abzüge gibt es (wenn auch nicht sehr überraschend) beim Thema Awareness. Während des gesamten Festivals war weder ein Awareness-Team, noch Aushänge oder Ansprachen in Sicht. Schade, dass anscheinend genau hier bei Deutschlands zweitgrößtem Elektro-Open-Air gespart wird, Bedarf hätte es sicherlich gegeben.
Trotzdem ist die Airbeat eine Reise wert, wenn man auf Festivals mit Mehr-ist-mehr-Charakter steht und gleichzeitig Wert auf gute elektronische Musik legt. Hier jagt zwar eine Attraktion die nächste und es gibt eine Menge zu gucken – zwischen etlichen Essensständen, Riesenrad, Bungee-Sprung-Turm und anderen Fahrgeschäften konnte man schon mal vergessen, dass es sich um ein Musikfestival handelt – das umfangreiche Line-up holte einen aber schnell wieder zurück. Jede Bühne ist wie eine eigene kleine Welt, die hervorragend auf das jeweilige Genre abgestimmt die Möglichkeit bietet, sich ein super individuelles Festival-Erlebnis zusammenzustellen.
Im nächsten Jahr geht es übrigens weiter: Vom 8. bis 12. Juli 2026 öffnet das Airbeat One da seine Pforten und lädt in die Niederlande ein. Tickets sind ab sofort über die Festivalwebseite erhältlich.
Beitrag auf Instagram ansehen
Text: Fee Briesemeister





