Dass Tradition für das Obstwiesenfestival keine leere Floskel ist, merkt man schon daran, wie sehr es in der regionalen Feierkultur verwurzelt ist. Denn weil das beschauliche Dornstadt bei Ulm nur wenige Kilometer vor der bayerisch-baden-württembergischen Landesgrenze entfernt liegt, gehört ein bisschen süddeutscher Brauchtums-Zinnober hier irgendwie dazu. Dieser äußert sich beispielsweise in Form eines an der Bar erwerblichen „schwäbischen Craft-Ciders“ namens „Heidanai“, eines Frühschoppens mit Brezen, Weißwurst und Blasmusik am Samstagvormittag oder auch einem Auftritt wie dem von Django 3000 am Donnerstagabend, die ihre Musik als „bayerische Balkan-Beats“ bezeichnen und Texte in Mundart schreiben. Und wo das für Ortsfremde auf den ersten Blick alles ein bisschen nach Oktoberfest und Bierzelt aussehen mag, zeigt es in diesem Fall vor allem eine Liebe zum Detail und einen Charakter, wie man ihn bei Festivals dieser Größenordnung sonst eher selten sieht.
Tradition ist ohnehin eine Sache, die beim Obstwiesenfestival auch auf sich selbst bezogen wichtig ist. So ist es beispielsweise bewährte Tradition, dass am Donnerstagabend nach der ersten (und einzigen) Band ein Film gezeigt wird (in diesem Jahr die Komödie „Caveman“ von Laura Lackmann), genauso wie besagtes Festivalfrühstück am Samstag und der Tatsache, dass der Eintritt für alle drei Tage frei ist. Das runde Jubiläum des Festivals veranlasst die Veranstalter:innen dieses Jahr allerdings auch, beim Booking in die Geschichte des Events einmal ausführlich zurückzublicken und zur eigenen Geburtstagsfeier eine ganze Reihe Künstler:innen einzuladen, die bereits in der Vergangenheit dort zu Gast waren. So spielte Goldroger schon 2018, Schlachthofbronx 2013 und 2014 und The Slow Show 2016. Vielleicht personifizierte die Idee des Festival-Veteranen jedoch niemand besser als der diesjährige Headliner Olli Schulz, der 2024 bereits zum vierten Mal in Dornstadt spielt und zuvor quasi in jeder Inkarnation seiner Karriere Teil des Festivals war: Zum ersten Mal 2004 nach seinem ersten Album, ein Jahr später mit und Olli Schulz der Hund Marie und nochmal 2009, kurz nach Beginn seiner bis heute andauernden Solo-Laufbahn. Einen Durchbruch als Pop- und Fernsehstar später ist er jetzt mit Band wieder zurück und erfüllt bei einer Show zwischen Hits, Anekdoten und Crowdsurfing mit Einhorn-Schlauchboot ganz und gar das Prädikat eines Headliner-Acts.
Ein weiterer inzwischen zum Ruhm gelangter Rückkehrer, der am Wochenende spielte, ist Roy Bianco, der mit den Abbrunzati Boys schon 2019, lange vor deren großem Durchbruch, zu Gast war und 2024 als sicherlich größter Publikumsmagnet wieder kam. Besonders war die Show der Augsburger dabei insofern, als dass sie als einzige Band am Wochenende ihre eigene Bühne bekamen und ein spezielles Akustikikset in Zweierbesetzung spielen, das ihren weltumarmenden Italoschlager nochmal in einem ganz anderen Gewand präsentiert.
Eine andere Sache, die trotz aller Rückblicke und Rückkehrer:innen beim Obstwiesenfestival lange Tradition hat und die auch dieses Jahr nicht zu kurz kam, war der gute Riecher der Veranstalter:innen für aufstrebende Acts, die ihre großen Erfolge womöglich noch vor sich haben: Schon in den Zweitausendern spielten hier Bands wie die Beatsteaks oder The National als Newcomer, 2012 zum ersten Mal Bilderbuch. Ob für die jungen Acts aus dem diesjährigen Line-up auch eine so strahlende Zukunft winkt, steht zwar noch in den Sternen, doch scheint das Gespür der Veranstalter:innen für Newcomer:innen, die neugierig machen, intakt zu sein. So spielt beispielsweise am Samstagabend zur besten Uhrzeit die Berlinerin Uche Yara, die bereits mit den Rolling Stones auf Tour war und seit vergangenem Jahr bei vielen ganz groß auf dem Radar steht. Einige der stärksten Konzerte spielen zudem die Wiener Songwriterin Rahel, die gerade im Frühjahr ihr erstes Album veröffentlichte sowie die Indieband English Teacher aus Leeds, die ebenfalls ein ganz frisches Debüt am Start haben. Und auch wer sich eher für die lokale Szene interessiert, kommt beim Obstwiesenfestival nicht zu kurz: zu den Nachmittags-Slots aller Festivaltage sind reichlich Künstler:innen wie Rainbowhead, die Autos und Soloblu vertreten, die aus Ulm und Umgebung stammen und die zwischen Hiphop, Indie und Folk auch stilistisch einiges beackern. Auf spannende Art schlägt das Obstwiesenfestival so die Brücke zwischen urigem Dorffest und Blockbuster-Event, zwischen vielen alten bekannten und aufregenden neuen Stimmen. Und das schon zum 30. Mal.
Text: Johannes Paelchen