Das Festival war ausverkauft, die Temperaturen sommerlich und die Stimmung ausgesprochen friedlich. Auf den Bühnen trafen beim diesjährigen Open Flair internationale Größen auf deutsche Publikumslieblinge, Newcomer auf etablierte Bands und große Rockshows auf kleine, intime Auftritte. Doch gerade die Momente zwischen den Konzerten machten auch in diesem Jahr einen großen Teil des besonderen Reizes aus.
Von Dropkick Murphys bis Biffy Clyro: Fünf Tage Open Flair
Der Mittwoch war traditionell der etwas ruhigere Einstiegstag. An der Seebühne am Werratalsee begann das Festival musikalisch mit TZK. Amistat eröffneten den Abend mit entspanntem Indie-Folk, bevor Das Lumpenpack deutlich mehr Leben vor und auf die Bühne brachte. Für die Band war der Auftritt auch deshalb besonders, weil sie bereits 2014 beim Open Flair im kleinen E-Werk gespielt hatte. Mittlerweile reicht es für ein Vielfaches an Publikum. Genau solche Geschichten passen zum Open Flair: Künstler:innen kommen wieder, wachsen mit dem Festival und werden irgendwann selbst zu festen Größen.
Am Donnerstag wurde das Programm deutlich umfangreicher. Neben Seebühne und Elektrogarten kamen weitere Spielorte hinzu, darunter das E-Werk, die Hofbühne und das Kleinkunstzelt. Der musikalische Höhepunkt des Abends wartete anschließend an der Seebühne. Die Dropkick Murphys waren nach elf Jahren wieder in Eschwege zu Gast. Mit ihrem Folk-Punk verwandelten sie den Bereich vor der Bühne in einen riesigen Partypit. Die Band aus Boston bewies einmal mehr, weshalb ihre Konzerte seit Jahren für lautstarkes Mitsingen und ausgelassene Stimmung stehen.

Am Freitag öffnete schließlich das Werdchen und damit das Herzstück des großen Festivalgeländes. Die Zahl der Möglichkeiten nahm damit noch einmal deutlich zu. Kaffkiez heizte etwa den Campingplatz mit einem kleinen Auftritt ein, bei dem kurzerhand das Publikum fürs crowdsurfing herhalten durfte. Ein ziemlich passender Vorgeschmack auf das, was später noch auf der offiziellen Bühne folgen sollte.
Auf der anderen Seite des musikalischen Spektrums sorgten Our Mirage aus NRW mit ihrem emotionalen Post-Hardcore für härtere Klänge. Den großen Abschluss des Freitags übernahmen SDP. Wer gerade keine Lust auf die nächste große Band hatte, konnte in den Elektrogarten wechseln, im E-Werk vorbeischauen oder sich in Richtung Innenstadt treiben lassen.

Emotionale Momente bei den Donots
Der Samstag brachte einen der Momente hervor, der vermutlich noch lange in den Erinnerungen vieler Festivalgäste bleiben wird. Die Donots standen mit als Headliner auf der Radio-BOB!-Bühne und sorgten für einen besonderen Auftritt. Noch emotionaler wurde der Auftritt durch Sören. Freunde von Sören baten die Band Jahre zuvor mit einem Aufruf zur Suche nach Stammzellspendern beizutragen. Inzwischen hatte er seine Krebserkrankung überstanden und schrieb der Band vor dem Auftritt. Die Donots holten ihn spontan auf die Bühne und widmeten ihm einen Song. Aus tausenden Menschen wurde für einige Minuten ein gemeinsamer Chor, während Band und Publikum die Geschichte gemeinsam feierten. Später sorgten Feine Sahne Fischfilet für den nächsten großen Auftritt des Tages. Die Band verbindet druckvollen Punkrock mit klaren politischen Positionen und machte klar, dass Haltung und Unterhaltung durchaus zusammengehören.

Am Sonntag zeigte sich dann noch einmal die ganze Bandbreite des Festivals. Buster Shuffle brachten ihre Mischung aus Ska, Punk und Rock'n'Roll auf die Bühne und sorgten auch trotz der Hitze für Bewegung. Am frühen Abend übernahmen Giant Rooks. Die Band hat sich in den vergangenen Jahren weit über Deutschland hinaus einen Namen gemacht. Besonders die neueren Stücke entwickelten live eine enorme Dynamik. Musikalisch blieb es anschließend mit Bosse beim Indie-Pop, für einen besonderen Moment sorgte aber vor allem ein 30-köpfiger Chor, den Bosse gemeinsam mit dem Festival im Vorfeld zusammengestellt hatte. Der Musiker ist seit vielen Jahren mit dem Open Flair verbunden und setzte mit dem Projekt „Hirn gegen Hass“ ein deutliches und wichtiges Zeichen.
Den Abschluss machten Biffy Clyro. Die schottische Rockband brauchte keine langen Erklärungen, um das Publikum einzufangen. Stattdessen legten Biffy Clyro direkt los und füllte das Gelände mit einem gewaltigen Sound. Große Hits wie „Mountains“ und „Many of Horror“ trafen auf neuere Songs. Nach fünf Tagen war das ein passender Abschluss für ein Festival, das musikalisch kaum breiter aufgestellt sein könnte.

Gemeinsam statt nur mittendrin
Doch wer nur auf die großen Headliner schaut, verpasst einen wesentlichen Teil des Open Flairs. Das Festival findet nicht irgendwo außerhalb der Stadt statt. Es ist mitten in Eschwege. Die Wege zwischen Werratalsee, Festivalgelände und Innenstadt sind kurz. Straßenkünstler, kleine spontane Aktionen und Menschen, die aus ihren Geschäften oder Wohnungen Teil des Geschehens werden, gehören genauso zum Bild wie die großen Bühnen.
Dazu kommt das riesige ehrenamtliche Fundament. Seit 1985 wird das Open Flair vom Arbeitskreis Open Flair e. V. organisiert. Rund 2.000 Helfer:innen übernehmen Aufgaben in zahlreichen Bereichen und sorgen dafür, dass ein Festival mit rund 20.000 Gästen überhaupt funktionieren kann. Selbst die Festival-App wird von einem Mitglied der Crew programmiert. Mit der „Stillen Oase“ am Seniorenzentrum Brückentor gibt es außerdem einen Rückzugsort abseits des Trubels, während Familien auf einem eigenen Spielfeld die jüngsten Festivalgäste beschäftigen können.
Diese Mischung aus Größe und Nähe macht das Open Flair schwer vergleichbar. Hier können Eltern mit Kindern, langjährige Punkrock Fans, ältere Besucher:innen und junge Festivalgänger:innen nebeneinander stehen, ohne dass sich jemand fehl am Platz fühlen muss. Für fünf Tage verschmelzen Festival und Stadt zu einem gemeinsamen Erlebnis.
Das Flair geht, die Vorfreude bleibt
Und während am Montag noch Bühnen abgebaut und Zelte zusammengeräumt wurden, war der Blick bereits wieder nach vorne gerichtet. Noch während dem laufenden Festival wurden Die Ärzte als erster großer Act für 2027 bestätigt. Wer aufmerksam war, konnte schon vorab durch Andeutungen auf Plakaten, die über das Gelände verteilt waren, auf den nächsten Headliner schließen. Tatsächlich ist es fast zwei Jahrzehnte her, dass Die Ärzte Teil des Open Flairs waren. Die ersten 1.000 Tickets gingen für 119 Euro in den Verkauf und die Nachfrage war enorm. Bereits kurz nach dem Festival meldete der Veranstalter, dass die Frühbuchertickets beinahe vergriffen seien.
Das Open Flair 2026 ist damit Geschichte. Was bleibt sind fünf Tage voller Musik, ausgelassener Momente und Erinnerungen, die weit über die Konzerte hinausreichen. Vielleicht ist es genau dieses Gefühl, das dafür sorgt, dass man schon beim Abschied an die nächste Ausgabe denkt.
Nachbericht & Fotos: Alina Pickut/ Alpi Photography





