Southside Festival Nachbericht

Es hätte so schön werden können – bis Starkregen und Unwetter den Besuchern des Southside Festivals einen Strich durch die Open-Air-Rechnung machte. Wir waren für euch vor Ort.

Am frühen Donnerstagabend ist das Green-Camping-Gelände des Southside Festival bereits gut gefüllt, der Duft von Grillkohle, Dosenbier und Schweiß liegt in der Luft. Die ersten Opfer von Sonnenstich und Sonnenbrand sehnen die Dämmerung herbei. Die Atmosphäre ist ausgelassen, aber nicht überbordend. Und wie unter den grünen Campern üblich, kehrt irgendwann nach Mitternacht auch eine angenehme Ruhe zwischen den Pavillons und Wurfzelten ein. Nichts deutet zu dieser Zeit auf das erbarmungslose Wetterchaos hin, das 24 Stunden später der ganzen Veranstaltung ein jähes Ende bereiten wird.
Am nächsten Morgen zieht der Hitzestau in den Zelten die Besucher zu unmenschlich früher Stunde aus ihren Schlafsäcken zurück in die Campingstühle. Die Sonne ist noch ein bisschen unbarmherziger als am Tag zuvor. Regelrecht träge fiebern die Besucher in schattigen Plätzen dem Festivalbeginn entgegen. Als es endlich soweit ist, halten auf der Hauptbühne Kvelertak ihren norwegischen Hardcore-Metal-Punk der Schwüle entgegen. Unmittelbar vor der Bühne siegt der Bewegungsdrang über die Temperaturen, weiter hinten beschlagnahmen Fans jedes Stückchen Schatten, das der Mischpultturm abwirft. An selber Stelle wettern wenig später Anti-Flag gegen den Brexit der Briten.

Es sind vielversprechende Auftaktshows, die Lust auf mehr machen. Am Himmel türmen sich indes monströse Wolken am Horizont. Noch bevor die Blues Pills auf der Red Stage den Fehlerteufel aus der Technik verbannt haben, fängt es an, in großen Tropfen zu regnen – bei strahlendem Sonnenschein. Die Besucher drängen in die Zelte, die Band profitiert und spielt sich zum ersten und letzten Highlight dieses Festival empor.
Manche zieht es auch bewusst nach draußen, um im Regen zu tanzen und die Abkühlung zu feiern. Doch während die schwedischen Bluesrocker drinnen noch zu Ende spielen dürfen, müssen kurz darauf Flogging Molly vorzeitig von der Hauptbühne. Das Southside wird unterbrochen, Securities bitten die Gäste, das Festivalgelände zu verlassen. Nicht jeder kann das nachvollziehen, denn trotz des kurzen Starkregens bleibt der Orkan nicht absehbar.

Entgegen einigen Unmuts leisten aber alle den Anweisungen folge und begeben sich mit etwas Verpflegung unter den Armen zu ihren Autos. Wer mit öffentlichen Verkehrsmitteln angereist ist, wird von Shuttlebussen in Unterkünfte in Tuttlingen gebracht.

Auf den Parkplätzen dröhnt Musik aus den Autos, die Fenster sind unten, es hat aufgehört zu regnen. Am Camping-Eingang lässt sich erkennen, dass einige Ungeduldige bereits zurück zu ihren Zelten möchten. Die Security verwehrt ihnen den Einlass. In weiser Voraussicht. Denn was dann an Unwetter losbricht, hat die Gemeinde Neuhausen ob Eck noch nicht erlebt.

Über zwei Stunden prasseln Wassermassen und Hagelkörner mit einer Wucht auf die Autodächer, dass man im Inneren sein eigenes Wort nicht verstehen kann. Der Wind rüttelt mit einer Urgewalt an den Fahrzeugen und schleudert dahinter die Pavillons wie Papier durch die Luft. Immer wieder dröhnt explosionsartiger Donner durch die Luft und in allen Himmelsrichtungen zucken pausenlos Blitze zu Boden.


Man ahnt bereits, dass das Festival nicht fortgesetzt werden kann. In den frühen Morgenstunden herrscht dann Gewissheit. Der Rest des Southside 2016 muss ausfallen. Auf dem Weg zurück durch das Trümmerfeld wird schnell klar warum. Es dürfte nur sehr wenige geben, die noch einen trockenen Schlafplatz finden. Zentimeterhoch steht das Wasser in den Zelten, Toiletten sind umgefallen, Beschilderungen wie Streichhölzer umgeknickt, Pavillons weggeweht.

Es gilt: Zusammenpacken, was noch brauchbar ist und dann schnell nach Hause. Schließlich kleben noch die nassen Klamotten vom Abend zuvor am Leib. Doch ganz so einfach ist das nicht. Wer in der Mulde parkt, hat mit dem schmierigen Untergrund zu kämpfen, oder noch schlimmer – das Auto steht komplett im Wasser. Geflutet. Totalschaden.
Andere Fahrzeuge springen nicht an, weil nachts zu lange Heizung und Radio liefen. Glück hat, wer oben parkt, sollte man meinen. Hier haben jedoch Blitzeinschläge an einigen Autos erst die Antennen und dann die gesamte Elektronik lahm gelegt.

Abschleppdienste, Feuerwehr (dem örtlichen Feuerwehrhaus wurde das Dach weggerissen), Landwirte, Polizei, Security und Anwohner sind im Dauereinsatz. Und nicht selten total überfordert. Aber dennoch funktionieren die Notfallmaßnahmen, und die frühzeitige Evakuierung des Geländes war, gerade vor den Hintergründen bei Rock Am Ring, die absolut richtige Entscheidung.
Am Ende gewinnt sogar ein Stückweit das Miteinander, weil die Hilfsbereitschaft unter den Besuchern groß ausfällt. Überall werden Autos angeschoben, tote Batterien überbrückt, umgekippte Bäume beiseite geräumt, Informationen ausgetauscht, und nahezu jeder übt sich in zivilisiertem Gedulden – es hätte so schön werden können.