The Pretty Reckless im Interview

Auf dem Beichtstuhl

Taylor Momsen von The Pretty Reckless spricht mit uns über die Zeit auf Tour mit AC/DC, die Motive der kommenden Platte “Dear God” und die kathartische Wirkung des Songschreibens.

Auf dem Beichtstuhl
Foto: The Pretty Reckless (Foto: Steph Gomez)

Ortszeit sieben Uhr morgens in Deutschland – elf Uhr abends in Mexiko: Taylor Momsen ist am anderen Ende der Leitung, noch angeschlagen vom Biss einer Braunen Einsiedlerspinne wenige Tage zuvor, aber angesichts dessen erstaunlich guter Dinge. Zum Zeitpunkt des Interviews ist sie auf einer inzwischen mehrjährigen Tour mit AC/DC unterwegs, bald starten allerdings schon die Vorbereitungen zur Veröffentlichung von “Dear God”, dem neuen Album ihrer Band The Pretty Reckless los. Über die Zeit auf Tour, die Motive der kommenden Platte und die kathartische Wirkung des Songschreibens haben wir mit ihr gesprochen.

Taylor, wie geht es dir?
Taylor Momsen: Mir geht es ganz gut. Ich bin gerade in Mexiko und plage mich mit meinem Spinnenbiss herum.

Man hörte davon. Hoffentlich ist es nicht allzu schlimm. Ich kann es euch nicht einmal sagen, ich habe jetzt meinen zehnten Arzttermin deswegen. Es ist kein sonderlich großer Spaß. Solche Sachen sind nie spaßig, gerade wenn man auf Tour ist. Aber man kann nichts machen, außer sich darum zu kümmern und darüber zu lachen. Also ja, ich habe es im Griff, aber es ist schmerzhaft.

Dir ist vor zwei Jahren schon mal mit einer Fledermaus passiert.
Richtig. Ich habe eine seltsame Art von Glück mit solchen Dingen. Alle Leute um mich herum, machen Witze darüber. Als ich während der Tour mit AC/DC 2024 von einer Fledermaus gebissen wurde, hat Angus [Young] angefangen, mich „Batgirl“ zu nennen. Der Spitzname hat sich durchgesetzt. Und dieses Mal war es eine Spinne. Bin ich jetzt „Spiderwoman“? Ich warte immer noch auf die Superkräfte. Und was kommt als Nächstes? Eine verdammte Schlange?

Aller guten Dinge sind drei.
Mir reichen schon zwei. Ich bin froh, wenn es jetzt aufhört.

In einigen Interviews sprichst du über die positiven Erfahrungen, die die gemeinsame Tour mit AC/DC mit sich bringt. Hoffst du mit 70 genauso zu sein wie sie?
Absolut. AC/DC sind die Verkörperung des Rock’n’Roll. Ich bin so glücklich, so viel Zeit mit ihnen verbracht zu haben und sie als Menschen kennengelernt zu haben. Aus erster Hand zu erleben, dass es möglich ist, Musik für den Rest des Lebens zu machen, ist unglaublich.

Du willst also weitermachen, solange es geht?
Ja, verdammt! Im Rock’n’Roll gibt es keinen Ruhestand.

Während deiner Karriere wurdest du von zahlreichen bekannten Musiker:innen unterstützt. Möchtest du in Zukunft auch als Mentorin für junge Nachwuchstalente agieren? Ich mache immer Witze darüber, dass niemand so sein will wie ich, ich habe wirklich eine Schraube locker. Ich würde nie die Verantwortung auf mich nehmen, eine Mentorin zu sein, zumindest nicht an diesem Punkt in meinem Leben. Das klingt nach viel zu viel Druck. Andererseits finde ich es wundervoll, wenn meine Kunst Menschen inspiriert. Ich glaube aber nicht, dass ich jemanden unmittelbar unter meine Fittiche nehmen will, weil ich selbst noch herausfinde, wie alles funktioniert. Ich bin ein ständiger Work in Progress.

Präferierst du Shows im Vorprogramm von Rocklegenden wie AC/DC, oder stehst du lieber als Hauptact auf der Bühne?
Es ist beides klasse, letztendlich ist keine Show wie die andere. Support für AC/DC zu spielen, ist ein Höhepunkt meines Lebens, es ist eine unglaubliche Erfahrung in jeder Hinsicht. Aber ich vermisse es, selbst Headlinerin zu sein. Da steht alles unter der eigenen Kontrolle und die eigenen Regeln sind dazu da, um gebrochen zu werden. Man kann so lange spielen, wie man will, nach Lust und Laune das Set verändern, und die Leute sind nur für einen selbst da. Dadurch hat man eine andere Verbindung zu den Fans und ich freue mich darauf, bald die Songs des neuen Albums zu spielen.

The Pretty Reckless (Foto: Steph Gomez)

Taylor Momsen

Im Juni seid ihr wieder auf Festivaltour unterwegs.

Ja, wir spielen unter anderem bei Rock am Ring und Rock im Park, das sind zwei meiner Lieblingsfestivals.

Wie sieht der Zeitplan bis dahin aus?
Der ist ganz schön voll. Nach dem letzten Konzert in Mexiko fliegen wir nach Hause, ich versuche, den Jetlag zu überwinden und meinen Biss heilen zu lassen. Dann geht es direkt wieder los mit Albumpromo und Bandproben. Da bleibt gar nicht viel Zeit übrig, bevor wir wieder aufbrechen müssen. Aber das ist in
Ordnung, ich blühe immer auf, wenn wir eine neue Platte veröffentlichen. Währenddessen fühlt sich alles frisch und neu an.

Euer neues Album “Dear God” erinnert mich an “Death By Rock And Roll” von 2018, beide versprühen eine ähnlich düstere Atmosphäre. Damals hast du gesagt, dass das Album dein Versuch war, die Dunkelheit in etwas Positives umzuwandeln. War deine Motivation dieses Mal eine ähnliche?
Das neue Album ist auf gewisse Weise das nächste Kapitel zu “Death By Rock And Roll”, es ist aber auch wie ein komplett neues Buch. Alles von meiner Kindheit bis jetzt habe ich in diese Platte einfließen lassen. Ich sage oft, dass sich das Album sehr nach mir selbst anfühlt. Ich bin stolz darauf, weil es sich so unverhohlen ehrlich anfühlt. Es gibt eine Brutalität auf dem Album, die wir in unserer Musik vorher schon flüchtig berührt haben, aber niemals in diesem Umfang. Es ist eine riesengroße Beichte über mich und mein Leben.

Gibt es für dich eine Art Katharsis, wenn du darüber schreibst?
Es funktioniert nie so einfach, dass man über etwas schreibt und es damit ad acta legt, aber mithilfe der Songs arbeite ich es auf. Nicht alles ist negativ, aber diese Art von Songwriting ist meine Art, den Dingen Sinn zuzuschreiben. Das Schreiben selbst ist also schon ein kathartischer Prozess, weil ich
den Verstand verlieren würde, wenn ich alle Emotionen zurückhalten würde. Ich bin bei nichts so frei und so sehr ich selbst, wie beim Songwriting. Ich muss mich nicht verstecken oder verändern, ich schreibe diese Songs für niemand anderen, als für mich selbst.

Im Pressetext heißt es, die Songs sollen sich anfühlen wie aus einem Tagebucheintrag. Wie wörtlich kann man das nehmen?
Man kann es schon ziemlich wörtlich nehmen. Ich schreibe kein Tagebuch im traditionellen Sinne, aber ich habe immer ein Notizbuch dabei, in das ich ständig schreibe. Seien das Gedichte oder Songzeilen, Gedanken, Ideen oder Skizzen. Und das meiste auf dem Album ist direkt aus diesen Seiten entnommen.

Auf der Platte lassen sich außerdem viele religiöse Motive finden, nicht zuletzt im Titel. Handelt es sich um reine Metaphern, oder behandelst du tatsächlich dein Verhältnis zur Religion?
Der Titel “Dear God” hat verschiedene Konnotationen. Das Album ist für mich wie eine Beichte, ein Flehen, ein Gebet oder ein Zeugnis, aber es hat nichts mit organisierter Religion zu tun. Es geht mehr um Spiritualität und darum, zu jemandem zu sprechen. Ob das man selbst ist, eine befreundete Person oder in
meinem Fall ein Notizbuch. Die Anspielungen auf Katholizismus sind da, weil ich katholisch aufgewachsen bin. Das assoziiere ich einfach mit der Idee von Religion. Aber “Dear God” meint nicht notwendigerweise eine konkrete Form eines Gottes, sondern soll eher mein Ausdruck einer Beichte gegenüber sich selbst, einer Person, einem Ding oder einem Wesen sein.

The Pretty Reckless – Live 2026

05.06. Nürnberg – Rock im Park 06.06. Nürburg – Rock am Ring 10.06. Hradec Kralove – Rock For People (CZ) 12.06. Nickelsdorf – Nova Rock (AT) 14.06. Castle Donington – Download Festival (UK) 18.06. Clisson – Hellfest (FR)